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D.O.R.F
(Daseinsformen ohne rechte Funktion)
Dem ehrenwerten Kollegen V. Tanner gewidmet

Werner-Höfer-Brillen; aus den Resten von Leichensäcken gefertigte Umhängetaschen, die - diagonal über der verwachsenen Hühnerbrust getragen - Gegenstände beherbergen, die Kreativität und Geschäftigkeit vortäuschen sollen; Frisuren, die selbst ansehnliche Gesichter entstellen, asymmetrische, betont räudige Haarschnitte, die trotz ihrer vermeintlichen Unabsichtlichkeit vor jedem Spiegel, jedem Schaufenster neu in Form gebracht werden müssen.
Ein mondäner Laden irgendwo in Mitte, die Tische auf Geishahöhe, das Licht diffus, die Beschallung gedämpft aber nervtötend - Elektrogefrickel aus der Werkstatt eines verstiegenen Onanisten, aufgenommen zwischen schimmelüberzogenem Abwasch und morschen Pizzaschachteln. Eine Atmosphäre wie beim jährlichen Treffen der Anonymen Arschkrampen und ihrer Angehörigen.
Unsere Bestellung wird von der androgynen Thekenkraft wie Aussatz behandelt. Egal, wir haben ausreichend Dosenbier in der mitgeführten Plastiktüte. Unser Reiseleiter treibt uns auf die Toilette, streut Amphetamine aus Böhmen auf den Spülkasten. Nasenbluten und lang anhaltende Spasmen sind die Folge. Ansonsten tut sich wenig. Erst als ein Rudel volltrunkener, dänischer Aupairmädchen das Lokal beehrt, hat die Totenmesse ein Ende. Mit kehligen Stimmen sondern die Skandinavierinnen Unflätiges ab und wir wollen schon einstimmen in den Kanon aus Libido und Lebensfreude. Aber unser Reiseleiter mahnt zur Eile. Die Stadt ist groß, da kann auf Sentimentalitäten keine Rücksicht genommen werden.
Kastanienallee, eine dunkle, abgewirtschaftete Kaschemme mit zeckentypischer Sperrmüllbestuhlung. Im Hinterzimmer lungern ein paar syphilitische Punks am Kicker herum, renommieren mit eitrigen Scharten und Einstichlöchern, in die ein Sechsjähriger locker seinen Daumen stecken könnte. Ansonsten ist der Laden leer.
Wir nehmen an der Theke platz, bestellen Flaschenbier und 'Geschnetzeltes' aus der 'Volxküche'.
>Nee, Fleisch ist da keins drin<, teilt uns die weibliche Bedienung auf Nachfrage mit. Die Piercings in ihrem Gesicht sehen aus, als wären sie beim Bastelnachmittag einer christlichen Jugendgruppe entstanden.
Gerade als wir damit begonnen haben, das Nahrungsimitat von einer Seite des Tellers zur anderen zu schieben, tippt mir der Reiseleiter auf die Schulter. Wir müssten weiter, raunt er, im Kaffee Burger würde heute ein waschechter Russe an den Plattentellern stehen, einer der sich die Füße nicht wäscht und Kontakte zur Mafia unterhält. Mit ein wenig Glück könnten wir beim Karaoke eins seiner Bücher gewinnen. Denn der Spätaussiedler schreibt auch Bestseller. Leider ist er schon gegangen, irgendein Sponsorentermin.
Stattdessen lungert allerlei zwielichtiges Gesindel herum, das darauf aus ist, seine verklebten Laken mit den Schamhaaren von Literaturstudentinnen zu schmücken. Aber auch die sind schon weg, so sie jemals da waren, und so werden die einzigen Frauen, die die Bumsdiele noch beherbergt - eine dralle Schwarzhaarige, deren Kinn schon seit unserem Eintreffen in einer Pfütze ihres eigenen Kotters lagert und ein kesser Vater mit Ohrringen groß wie Avocados - mit einer Intensität umworben, wie sie sonst nur in Flugzeugen zu finden ist, deren zweites Triebwerk sich gerade verabschiedet hat.
Der Andrang ist derart gewaltig, dass nicht jeder zum Zuge kommt, und nur so ist es wohl zu erklären, dass mir ein zwergwüchsiger Peruaner mit glasigen Augen zwei Minuten lang an den Arschbacken herumfuhrwerkt, bis ihm unser Reiseleiter endlich einen Bierkrug über den Schädel zieht.
Wir sollten uns nicht aufregen, sagt er, das sei das ganze normale Vorspiel zum Resteficken, einer Berliner Spezialität, die der Angst vieler Bewohner geschuldet wäre, zuviel Selbstbefriedigung könne ihre kleinstädtische Herkunft verraten. Wir müssten ohnehin voranmachen, die Nacht sei noch jung und das echte, also das pulsierende Herz der Metropole läge noch vor uns. Also auf ins White Trash zum Branntweinfassen. Aber obwohl gerade mal sechs, wird dort am Ausschank bereits schwer selektiert. Einzig einer handvoll Stammgäste ist es vorbehalten, sich an den überteuerten Spirituosen zu laben.
Wir wollen uns schon, wahren Habenichtsen gleich, in die Büsche schlagen, aber da ist ja noch Ben Becker, Fischgrätenbennie. Pomadisiert und wohlbeleibt, hält er Hof im Kreise geckenhafter Enddreißiger, die davon träumen ihre schmale Börse mit dem Produzieren von Hardcorepornos aufzubessern. Offensichtlich gerührt ob unserer Hungerleidermienen lässt der große Mime Menschlichkeit walten, reicht uns generös ein paar Gratisbiere aus dem Kühlschrank. Der Wirt, ein verkappter Psychopath mit Dschingis-Khan-Bärtchen und Halbglatze, dem der Elektroschocker mehr als locker im Halfter sitzt, muss eine geschlagene halbe Stunde warten, bis sein prominenter Gast samt Gefolge weiter gezogen ist, und er uns endlich auf die Straße prügeln kann.
Eigentlich könnte man jetzt an der Tanke einen gepflegten Absacker nehmen und dann ins Hotel einrücken. Aber die Aufputschmittel zeigen eine ebenso späte wie durchschlagende Wirkung, wecken das Verlangen nach weiteren Stimulanzien. Kein Problem, sagt der Reiseleiter, er hätte da noch ein paar wirklich wüste Partys auf dem Zettel, alle schwerst subversiv und illegal. Und so geht es in wilder Hatz von einem Kellerloch zum nächsten, von Bauruine zu Bauruine, von Schweinekoben zu Wohnzimmerclub.
Scherben auf dem Boden und Exkremente an der Wand, Menschen die sich in endlosen Pirouetten einsam unter Diskokugeln winden; Vergnügen findet woanders statt…
Dann endlich, gefühlte vierundzwanzig Stunden später: Das Hotel! Mein persönlicher Garten Eden, meine Blutwäsche, mein Lungensanatorium. Die Zeitanzeige in der Lobby steht auf kurz vor zehn. Da werde ich bis zum Auschecken beinahe zwei Stunden lang schlafen können. Zwei Stunden - mehr will ich gar nicht verlangen.
Abgekämpft schleppe ich mich durch die Vorhalle in den Aufzug. Fünfzig Meter den Flur entlang, jetzt nur noch die Karte durchs Türschloss ziehen und dann ab ins Nirwana.
Ich lasse den Magnetstreifen seinen Dienst verrichten, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund will die Tür nicht aufspringen. Also die Karte andersherum, und dann noch mal gedreht und noch mal, aber nichts tut sich, der heilige Tempelbezirk bleibt mir verschlossen. Und da erst entdecke ich diesen Zettel, dieses unscheinbare Stück Papier, das mir direkt vor der Nase klebt: >Sehr geehrter Gast, bitte melden Sie sich an der Rezeption. Es sind Probleme mit Ihrer Kreditkarte aufgetreten.<
Ich lese das wieder und wieder, und weiß doch bereits nach dem ersten Mal, dass sie mir dieses Zimmer heute nicht mehr aufsperren werden. Denn 'Probleme mit der Kreditkarte' - was kann das anderes heißen, als dass dem Scheißkonto der Deckhengst fehlt. Und so lasse ich mich schließlich niedersinken auf den verdreckten Flurteppich, endgültig besiegt von dem, was da in bunten Broschüren 'Hauptstadtfeeling' genannt wird. Und ich will schon in Tränen ausbrechen, als mir in einem Moment absoluter, gottgleicher Klarheit die angemessene Reaktion auf diese Demütigung in den Sinn kommt: Berlin muss brennen! Diese Steinwüste mit ihrer Kleingartenmentalität, dieser lächerliche, heruntergekommene Popanz mit seiner vorgegaukelten 'Kiezharmonie' und seinen nie eingelösten Versprechen eines multikulturellen Zusammenlebens muss in Flammen aufgehen. Und mit ihm all die Fahrradkuriere in ihren neckischen Latexhöschen; all die Fitnesshengste und Freizeitdominas; all die Kaffeehausrevoluzzer und Salonphilosophen; die ewigen Berufsjugendlichen; die Technojünger; die Schnorrer und Wegelager; die Türstehermafia; das Nazipack; die Möchtegernschrifsteller; die definitiv Reichen und die vermeintlich Schönen; die Ecstasyjünger und Koksköpfe; all die hippen und groovy Gestalten, die dem Trend schon nachhängen, wenn er ihnen nur aus irgendeinem Szenemagazin entgegenlacht; all die Ostpocken, die noch nie in Kreuzberg waren; der lebenslustige Bürgermeister; die Schmalspurganoven; die altbacke$nen Kabarettisten; der intellektuelle Pöbel, der vorgibt, sich für Fußball zu interessieren; die Performancekünstler; die Videokünstler; die Slammer; all das hiphopsozialisierte Volk, das glaubt in Compton, Los Angeles zu leben; und Rolf Eden natürlich. Der zu allererst.
Diesem Gedanken folgend durchwühle ich meine Jacke. Und als ob der Allmächtige höchst selbst meinen Plan gutheißen möchte, lässt er mich ein letztes Streichholz finden. Ich lasse einen weihevollen Moment verstreichen. Dann entzünde ich es, halte das Hölzchen - das reinigende Inferno schon vor Augen - an den Teppich, bis es mir die Fingerkuppen ansengt und kläglich verglimmt.
Und erst da fällt mir ein, dass es vielleicht besser gewesen wäre, mir vorher eine Zigarette anzustecken.


 

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