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PARASITEN-ERNTE-DANK

Bei allen Göttern, das ist meine Stunde. Der Moment
auf den ich seit Jahren gewartet und doch in meinen
kühnsten Träumen nie habe Wirklichkeit werden sehen.
DAS absolute Groß-, ja Jahrtausendereignis, der
Weltenschock, die Mutter aller Schrecken - und ich bin
dabei. Gepriesen sei das Schicksal, das dafür gesorgt
hat, mich gerade heute arbeiten zu lassen.
Nicht auszudenken, wenn ich frei gehabt hätte, ja
vielleicht noch im Urlaub gewesen wäre.
Wie viele mir jetzt wohl gerade zusehen? Doppelt so
viele? Dreimal so viele wie sonst? Auf jeden Fall mehr
als je zuvor. Wahrscheinlich hängt das ganze Land vor
der Glotze. Hauptsache, die Penner haben auch den
richtigen Kanal eingeschaltet.
Heißa, da werden ordentlich Tränen fließen, da wird
manch zittrige Hand zum Handy greifen, um sich bei der
lieben Verwandtschaft, bei den plötzlich so heiß
vermißten Freunden der eigenen Existenz zu versichern.
Die Wucht dieser Bilder wird niemanden kalt lassen.
Alle werden sie hinschauen müssen, keine Chips-Tüte,
keine Bierflasche, keine Zeitung, kein Haustier wird
sie heute ablenken. Und wenn sie hinsehen, dann werden
sie MICH sehen.
Ich bin derjenige der ihnen den Alptraum in so
verträglichen Dosen wie möglich verabreicht. Ich bin
derjenige der sie ins Höllenfeuer führt und sie im
nächsten Atemzug bei der Hand nimmt, um ihnen den
ersehnten Trost zu spenden.
Jesus, ich kann förmlich spüren, wie ihre entsetzen
Fratzen an meinen Lippen kleben. Jetzt bloß nicht den
Gesichtsausdruck verändern, bloß nicht zu grinsen
anfangen. Ich muß ernst gucken, ganz klar. Ja
vielleicht selber ein bißchen entsetzt aussehen und
dennoch gefasst wirken; signalisieren daß ich es im
Griff habe.
Vielleicht sollte ich ein bißchen Erschöpfung
zeigen... Ja, ein Hauch Erschöpfung wäre nicht
schlecht. Hier stundenlang zu moderieren, noch dazu
aus dem Stegreif ist schließlich kein
Kindergeburtstag. Muß der Maske bei der nächsten
Gelegenheit unbedingt sagen, daß sie mit dem Puder
sparen sollen. Vielleicht sollte ich auch mit der
Krawatte was machen...
Wie lange wir wohl noch senden? Von mir aus, könnte es
noch Stunden, ja Tage so weiter gehen. Hauptsache
diese strunzblöde Praktikantin schafft endlich was zu
Fressen ran. Leckeres Stück das Mädchen, nur `n
bißchen unzugänglich. Na, abwarten, nach einem Tag wie
diesem, kann sich das schnell ändern. Wird noch darum
betteln, mir einen blasen zu dürfen, das Miststück.
Aber scheiß drauf, wenn ich hier fertig bin, kann ich
mir die Puppen ohnehin aussuchen. Ich muß so schnell
wie möglich in eine von diesen In-Discotheken.
Noch besser wäre es allerdings, wenn wir hier
weitermachen würden, bis ich vor laufender Kamera
zusammenbräche. Vor lauter Anspannung, Arbeit und
Müdigkeit einfach umfallen, kollabieren, einen
akkuraten Schwächeanfall bekommen... und danach:
Natürlich weitermoderieren. Mann, das würde mich
unsterblich machen.
Aber auch so sollte es für ein paar Streicheleinheiten
reichen. Heroen an der Nachrichtenfront - würde mich
doch schwer wundern, wenn sich da nicht die
Boulevard-Magazine draufstürzen werden.
Wenn nur dieser Juckreiz nicht wäre. Dieses
widerwärtige Kribbeln im rechten Ohr. Ich würde alles
dafür geben, mich jetzt kratzen zu dürfen. Aber bis
zur nächsten
Live-Schaltung heißt es noch mindestens zwei Minuten
überstehen. Also Zähne zusammenbeißen und den Mist so
gut als möglich ignorieren. Das ist das mindeste, was
ich für unsere amerikanischen Freunde tun kann.