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Als ich mal den Herrn Hitler im Schwimmbad getroffen hab

Der Herr in der Dusche meint, ich täte besser daran, mich nicht in dieser Badehose im Becken blicken zu lassen, denn heute sei der Strenge wieder da. Der Strenge ist ein blondschöpfiger Bademeister, den wir hier nicht besonders mögen. Er hat mich schon des öfteren des Bades verwiesen und auch andere Besucher mit seinen Nickeligkeiten getriezt. Stein des Anstoßes ist in meinem Fall meine Badehose, auf der ein Seepferdchenabzeichen angenäht ist. Der Strenge sagt, jeder könne sehen, dass ich zu schlecht schwämme, um dieses Abzeichen auf legalem Wege erhalten zu haben. „Urkundenfälschung“ hat er gebrüllt und mit der Schutzstaffel gedroht. Für den Fall, dass der Strenge im Bad regiert, habe ich immer den Badeanzug meiner Schwester im Freizeit-Beutel. Ich mache sicherlich keine gute Figur im Badeanzug, aber deswegen kann mich zumindest niemand des Betruges anklagen. Auch der Herr in der Dusche meint, dass der Badeanzug heute sicherer sei. Wir Schwimmer halten zusammen.
Tatsächlich bin ich niemals seepferdchenreif geschwommen. Ein lieber Nachbar hat mir einst Hose samt Abzeichen vermacht, als ihm klar wurde, dass er sein Krankenbett nicht wieder verlassen würde. „Falls Du mal auf die Idee kommen solltest, auf den Dreier zu steigen, wird Dir dieses Abzeichen alle Tore öffnen.“ Dies waren seine Worte bei meinem letzten Besuch. Seither bin ich kein einziges Mal auf den Gedanken gekommen, den Dreimeterturm zu besteigen. Ich schwimme einfach zu schlecht, um mich überhaupt nur in die Nähe des Schwimmerbereichs zu wagen. Ich wandere lieber im Nichtschwimmer meine Runden ab und trainiere dabei die Armbewegungen. An der zum Schwimmerteil offenen Seite des Nichtschwimmers ist eine Leine längsgespannt, an der ich mich orientieren kann. Eines Tages, der Strenge war nicht im Dienst, saß dort der Herr Hitler auf der Leine. Sie wissen schon: Der mit dem zweiten Weltkrieg. Wir Schwimmer grüßen uns höflicherweise, obwohl ich es nicht leiden kann, wenn einer auf der Leine sitzt (und diese dadurch zur Hälfte untertaucht), und gerade Hitler mag ich nicht wegen – na, was man so hört! Ich nickte ihm daher nur kurz zu, grüßte dagegen den anderen Herrn im Becken auf herzliche Weise: „Hallo Emil, schön Dich zu sehen!“ Der lange Emil ist schon seit Kindesbeinen begeisterter Schwimmer gewesen und geht nun auch nach seinen Amputationen (Raucherbeine, wissen Sie) immer noch dem Schwimmsport nach. Nur, so klagt der lange Emil, beim Delphin rutscht ihm jetzt oft die Badebuxe übers Restbein und alle Welt sieht seinen blanken Hintern. Der Strenge sieht das nicht gern. An diesem Tag aber – wie gesagt – war er nicht im Dienst, und Emil schwamm Delphin, was das Zeug hielt, und niemand störte sich an meinem Seepferdchen.
So war, ganz kurz skizziert, ungefähr der Tag, an dem ich Herrn Hitler im Schwimmbad getroffen hab. Dass ich nun gerade mit diesem Mann eine von passabler Zärtlichkeit geprägte Beziehung eingehen würde, obschon in meinem Leben weder homosexuell, noch Nationalsozialist gewesen, ist allein auf eine Darmverstimmung zurückzuführen, die ich damals als sexuellen Impuls missinterpretierte. Achja, diese geheimnisvolle Welt hält für die Liebe doch die banalsten Ursachen bereit, meinen Sie nicht auch? Manchmal, da fühlt man sich, als lebe man in einem Märchen. Gluckgluckgluck.