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Im Haarstudio Kadaver

„Meinen Sie, Frisiersalon - das hätte angenehmer geklungen?“ Hmm. „Wissen Sie, mein Mann und ich, wir haben damals lange darüber nachgedacht, aber irgendwie waren wir ja doch sofort verliebt in Haarstudio. Vielleicht falsch.“ „Nein, nein: Frisiersalon - das hätte nicht angenehmer geklungen“, sage ich, um endlich irgendetwas zu sagen. Ich muß mich vergewissern, daß ich trotz dieses neuen, mir deutlich mißlungen erscheinenden Haarschnitts die Kontrolle über mich bewahrt habe. „Viele sagen ja, daß Kadaver ein zu problematischer Name für ein Haarstudio ist.“ „Nicht unproblematisch zumindest“, antworte ich, mich selber in derartigen Souveränitätsfloskeln nicht wiedererkennend. Mal abgesehen vom Haarschnitt. „Aber seinen Namen kann man sich nun mal nicht aussuchen. Und das Gedenken an meinen Gatten verbietet es mir... also, den Namen jetzt ändern - das könnt ich nicht, da käm ich mir vor wie...“ „Ich habe keine Schwierigkeiten mit dem Namen“, rinnt es mir aus dem Mund. Eigenartig, wie man sich nach so einer Frisur verhält: Als leidete man doch unter den zerstümmelten Körperbehang, dessen Verstümmelung vielleicht nur deshalb als belanglos eingestuft wird, weil ein gekappter Nerv es versäumt, die angemessenen Schmerzimpulse an das ZNS weiterzuleiten. Und so stammle ich weiter, geschwächt durch taube Verletzungen: „Wenigstens bleibt da eine Tradition erhalten.“ „Nicht wahr? Wissen Sie“, sie blickt mir durch den Spiegel direkt in die Augen, „ich habe ja noch meine alte Postleitzahl! Wenn Sie wollen, zeig ich sie Ihnen.“ Ich betrachte mich im Spiegel. Eigentlich will ich nur nach Hause. Ich höre, wie sie einen Kippschalter betätigt. Sie verschwindet in einer Tür. „Kommen Sie, kommen Sie!“ Ich sehe: Hinter der Tür führt eine Treppe hinunter. Von dort blickt mir Frau Kadaver erwartungsvoll entgegen. „Ich bewahre sie hier unten auf, man weiß schließlich nie, ob da jemand Ärger... - ich meine, die meisten Kunden kenne ich seit Jahren, aber es kommen da einen ja allerhand Leute in´s Geschäft.“ Sie geht zu einer Werkbank und zieht eine Decke beiseite. Darunter: eine vierstellige Zahl. „Unsere alte Postleitzahl. Mir persönlich gefällt sie ja besser.“ Sie seufzt: „War ja auch eine harte Umstellung damals. Da erinnert sich nur heute keiner mehr dran, die Leute vergessen einfach zu schnell... Glauben Sie jetzt bitte nicht, mir würde da etwas Illegales... - ich meine, natürlich wußte ich, daß es neue Zahlen geben würde, aber ich habe mir gedacht, solange keiner nach der alten fragt, behalt ich die noch ein Weilchen. Das gute Stück. Wenn ich ehrlich bin - mit der neuen Zahl hab ich mich nie anfreunden können. Ein alter Baum läßt sich nun mal nicht umpflanzen, hab ich recht? Aber, sehen Sie mal hier!“ Rumpelnd zieht sie eine Schublade aus der Werkbank, darinnen: Revolver. „Die sind noch von meinem Mann. Wissen Sie, nach dem Krieg, da lagen die Dinger hier ja en masse in den Straßen herum. Aber sie hätten mal versuchen sollen, eine brauchbare Schere zu aufzutreiben. Absolut unmöglich! Da kam meinem Mann die Idee, Frisuren zu schießen.“ Was? „Jaja, das kann sich heute kaum noch jemand vorstellen, aber es herrschte ja solch eine Not damals. Und Haare kennen nun mal keine Unterschiede. Ob Krieg oder Frieden - die wachsen... Und irgendwie mußten sie ja gestutzt werden. Natürlich war das nicht ganz ungefährlich. Die Finger, verstehen Sie? Ein unachtsamer Schuß - und schon konnte es einem die Finger zerreißen. Mein Mann hat ja ganze vier Finger bei der Arbeit verloren. Und mein Mann war Profi! Sie können sich denken, wie die Sache bei den Lehrlingen ausgesehen hat. Blut und Gejammer sage ich nur, Blut und Gejammer... aber kommen Sie, ich zeige es Ihnen! Hier, sehen Sie: unser Garten.“ Sie hat eine schwere Tür geöffnet, Quietschen, Tageslicht. Vor mir: ein Garten. „Fällt Ihnen etwas auf?“ Mein Blick streift leer und oberflächlich durch den Garten. Ihr zum Gefallen gebe ich meinem Desinteresse den Anschein von Unverständnis. „Dort, beim Salat!“ Große Köpfe, prächtig gewachsen, in symetrischen Reihen angeordnet, dazwischen: fahle Fingerstumpen. „Das lenkt die Schnecken ab. Die denken nämlich, zum Salat der Kadavers, da lohnt sich´s nicht hinzukriechen, da sind schon zuviele andere dran. Die Schnecken halten die Finger für Artgenossen!“ „Aha?“ „Ja“, sie schiebt mich Richtung Treppe. „So, jetzt muß ich aber wieder...! Aber sehen Sie: So war das damals. Ich meine, Sie als junger Mensch haben das ja nicht miterlebt. Vieles wird Ihnen da heute doch leichter gemacht, denke ich. Aber, was red ich groß, Sie haben ja auch Ihre Probleme, Ihre eigenen Probleme. Also, ich möchte heute nicht unbedingt jung sein, wissen Sie.“ „Ja.“ Ich bin wie erschlagen, wanke die Stufen hinauf, zahle und verabschiede mich höflich. „Deine Kröten sind bei mir in guten Händen, Jung!“ flüstert sie mir hinterher und leckt sich über die Lippen. Als ich den Salon verlasse, atme ich befreit ein. Frau Kadaver winkt. Es ist schon so, daß ein neuer Haarschnitt einen anderen Menschen aus einem macht.