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Tanja Dückers: In der Mitte (I -IV)

An Betonpfeilern baumelt ein BH im Wind
Fenster zugeklebt mit Plakaten
für DJ-Events leise das Zischen
von Inline Skates auf der
schon halb verfallenen Rampe

Die neuen Clubs in Mitte
kosten zwanzig Mark Eintritt
dafür bekommt man
unechte Risse in den Wänden
und künstliche Spinnenweben zu sehen


© Mai 1998

In der Mitte (II)


Überall in der Stadt wirbt das Rote Kreuz
für Blut überall nur nicht in der Mitte
herrscht die Stille eines Tempels
Andächtiges Kaufen
in der Mitte ist die Stadt
leer für eine internationale
High society in der Mitte
hängt zehn Meter hoch das "Gesicht 97"
einer blauäugigen Fünfzehnjährigen
in der jungen Friedrichstraße
Überall für Blut überall nur nicht hier
gibt es keine Unfälle
ein gerader Schnitt durch die Stadt
verletzt vernarbt die alte
Friedrichstraße
Damit Sie sich zuhause fühlen
wie in Detroit Manila Tokio
immer nur das eigene Gesicht überall
und nicht die Stadt
in den langen Spiegelfassaden
in der Mitte


Mai 1998

In der Mitte (III)


In der Mitte die Ruhe
geparkter Autos langsames
Wandeln im gläsernen Innen
Höfen in der Mitte die Schritte
Gummisohlen der Schweiß
auf Schaufensterscheiben Fenster
in alle Richtungen
in der Mitte vergißt man
daß es mal Himmelsrichtungen gab
In der Mitte plätschern Springbrunnen
autistisch ihr ewig gleiches Wasser
in der Mitte das heillose Haar im Fahrstuhl
Zivilcourage nur bis auf Ellenbogenlänge
und die Mitte ist ununterbrochen
erleuchtet der dämmrige Tag der lange müde Mittag
in der Mitte
von der Mitte rollt ein langsames Hoffen
in alle Richtungen diffus
wie das Licht der Höfe das Hoffen das sich
schließlich als Staub auf den Radkappen der Peripherie
niederlegt.

” Juni 1998

In der Mitte (IV)


In der Mitte der Mitte der Friedrichstraße bleibt mir
ein Absatz stecken
ich humpele fort hält
ein Taxi nicht für mich weil ich mit einer
Colaflasche winke kleben die Hände
einer Oma wie Froschnäpfe
an der Schaufensterscheibe die Augen
auf ein schwarzes Minikleid gerichtet Ansonsten ist es
leer es wird nicht Nacht nicht Tag es bleibt so
unbestimmt mir ist nicht nach Reden Kaffee trinken
mit wem auch und wo
Es macht keinen Unterschied
ob ich nach Norden oder Süden laufe

In einem Niemandsland in der Mitte
setze ich mich auf eine Bordsteinkante
ohne Hundescheiße
meinen abgebrochenen Absatz in der Hand


Mai 1998