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Tanja Dückers: Oktoberende

Ich stiefele die Straße entlang. Fröstelnd
setze ich meinen alten, roten Hut auf.
Herbstnebel hängt in das Durcheinander
meiner Gedanken.
Ich könnte Dich anrufen, hier,
von dieser sonnengelben Zelle.
Ich könnte aber auch weiterlaufen,
an diesem betrügerischen, nikotinverseuchten
Kasten der eingezwängten Worte vorbei.
Vorbei an zusammengeknüllten Papierfetzen,
an mit letztem Sommerlachen besudelten Bordsteinkanten.
Einfach weiterlaufen, durch die Nacht,
durch den Winter,
ohne mit irgendjemandem zu sprechen,
ohne Anstrengungen zu machen,
alberne Wortlöcher in die kalte
Luft zu schneiden.
Einfach weiterlaufen, Dich alleine in den Winter
treiben lassen, durch Blätterhaufen
undefinierbarer Farbe.
Aber ich könnte Dich auch noch anrufen, hier,
von diesem eigelben Kommunikationskäfig,
könnte meine kältestarren Sätze
durch diese Ohrmuschel auf ihren stolpernden,
schlitternden Weg schicken.
Oder doch meine Worte einfach nur in mir sammeln,
aufbewahren, Worttropfen, eimerweise,
randvoll
durch den Schneematsch
weiterlaufen.

Oktober/November 1994/Februar 1996