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Von hinten

Der rote Bügel ihrer Brille sticht. In mein Auge.
Direkt ins Herz.
Schießt gerade durch meinen Kopf.
Der Bus rüttelt. Die Sitze sind bunt und schmutzig.
In meiner Nase drin, fast, ihr langes blondes Haar, gewellt und blumig, irgendwie.
Die Brille auf dem Nässchen. Sie schaut auf ihren frisch gezogenen Fahrschein und steckt ihn dann in die braune Wildlederhandtasche.
Baby, Baby, Baby- alles ist möglich heut Früh im Bus.
Nächste Haltestelle-
Blumenbluesenbärchenland.
Es ist ganz, ganz, ganz sehr Morgenland-
sehr, sehr, sehr früh am Morgen. So um halb sechs.
Linie 26 ist leer wie eine Schokoladenknuspertüte in einem Schokoladenfachgeschäft nahe einem Keller, wo Mäuse und Adler wohnen und die Schokolade essen. Aufessen.
Ich sitze hinter ihr. Jeden Morgen in der 26. Fast nur wir zwei. Manchmal ein Dicker mit seinem Beutel. Mehr sitzt nicht in der 26. So früh niemand weiter.
Sie und ich.
Ich und sie.
Der Dicke mit ihr. Ich mit dem Dicken. Nein- für mich gibt’s den nicht.
Nur sie.
Sie mit ihrer roten Brille.
Die hat bestimmt einen weichen Küssmund und geschwungene Wimpern von Natur aus,
braucht die nicht mit so einer kleine Bürste . . . Du. Nimmst. Mir. Die. Luft.
Und der Bus, der Bus vibriert und stöhnt, läuft heiß in der langen Geraden, quietscht bei den scharfen Kurven und ich sitze hinter dir.
"Du", sag ich "du, du, du." Die blonden Haare sind mir so nah, ich finde dennoch keinen Mut sie anzufassen. Streichel, streichel- ganz, ganz , kurz ­ Streichelzoo.
Sie ließt im Bus. Bücher- jede Woche ein anderes.
Ihre Finger sind schön, besonders wenn sie die Seiten umblättern
und es so aussieht, als ob diese Finger nichts lieber täten, als Seiten in einem Buch sachte zu blättern.
Ich musste sehr schlucken und meine Erregung zügeln- wirklich zügeln-
an einem Dienstag leckte sie sich mit ihrer weichen, nassen, roten Zunge- die ich nicht sah- den Zeigefinger und blätterte die Seite 92 in ihrem Buch um.
Zurück blieb ein kleiner feuchter Fleck auf ihr.
Baby, Baby, Baby.
Die Busfahrt soll nie enden.
Ich könnte ewig hinter dir sitzen in der 26 und zusehen wie du die 92 befeuchtest.
Gott, steh mir bei. Sie steigt eine vor mir aus.
Kurz bevor sie aufsteht drehe ich mich zum Fenster
und schließe die Augen fest, sehr fest.
An der nächsten steige ich aus und zügele, zügele, reiße gewaltsam an jedem Strick
um die Erregung -Gott- um sie festzuhalten. Ich denke an den nächsten Morgen, die Haare, Finger, Zunge, Lippen, auch an die Brille.
Donnerstag. 26 ist am kommen.
Zischend hält sie an. Ich weiß, sie sitzt auf ihren Platz, mein Herz hüpft.
Ich sehe ihre Haare und sehe den Fremden auf meinem Platz hinter ihr.
Schnauzbart und dicke Hände. Der Aktenkoffer liegt neben ihm.
Ich stocke.
Gehe weiter hinter.
Nach ganz hinten-
dort wo der Motor arbeitet-
tausend Bienen brummen.
Ich sinke in den bunten Sitz zusammen.
Alles schwarz vor meinen Augen.
Mein, mein, mein Mädchen ist mir weggenommen.
Freitag. Schnauzbart- Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, wieder Freitag alles Schnauzbart. Meine Liebe nicht mehr.
Aus.
Vorbei.
Spielende. Nimmer werd ich sie sehen- nimmer, nimmer von hinten.
Auch nicht von vorn.