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YANEQ

 


Prostitution und Arbeit
Ein Versuch in 4 Akten

Akt 1: Die Idee

"Was? Fünfzig Mark für eine Stunde? Soviel kriegst du dafür?"
"Ja, aber du musst für zwei Stunden da bleiben!", wandte Sandra ein.
"Das sind ja 100 Mark! Das ist doch Hammer!", ich konnte mich kaum halten. Soviel Geld hatte ich in so kurzer Zeit noch nicht verdient. "Will ich auch!"
"Ich könnt das nicht."
"Wieso denn nicht? Was soll daran so schwer sein?"
"Naja, ich weiß nicht," Robert guckte gequält zu Sandra. Dann sagte er doch: "Das ist doch auch ein bisschen Prostitution."
Sandra ließ das kommentarlos zu, aber ich erregte mich: "Was heißt hier Prostitution? Jede Arbeit ist Prostitution! Ob ich nun hier Bier zapfe und nett bin zu den Leuten oder ob ich das mache: Wo ist da der Unterschied, bitte?"
Robert hob zweifelnd die Braue: "Naja, ist doch schon nen Unterschied, ob du nun am Band stehst oder ob du die Beine breit machst!"
"Na, aber nur was die Intimität angeht. Ansonsten setzt du in jedem Fall deinen Körper ein, um Geld zu kriegen. Man: Kapitalismus, Alter! Jede Arbeit ist Prostitution. Und hier du musst ja nicht mal die Beine breit machen."
"Und prostituierst du dich jetzt gerade auch?" fragte Robert schlau.
"Naja, ich bediene und bin nett zu den Leuten. Hat schon was davon, klar!"
Robert guckte komisch.
"Ich sag dir was der Unterschied ist: Hier verdien ich 10 Mark plus ein mickriges Trinkgeld dafür, dass ich jeden betrunkenen Arsch betrunkener mach und da krieg ich 50 Ocken die Stunde und muss nichts machen."
"Sind doch nicht nur Arschlöcher hier!", protestierte Robert, aber ich war so erregt, dass ich gar nicht den beleidigten Unterton raushörte.
"Darum geht's doch gar nicht! Es ist leicht verdientes Geld!"
"Na, so leicht ist es nun auch wieder nicht," forderte Sandra ein wenig mehr Anerkennung ihrer Tätigkeit ein.
"Türlich, Türlich."
"Ja, aber ist schon krass. Ich weiß nicht ob ich das könnte," überlegte Robert laut, doch ich war nicht mehr zu halten:
"Hundert Mark in zwei Stunden! Das ist geil. Ey, Sandra, wenn die mal wieder wen brauchen, dann bitte sag bescheid."
"Meinst du ehrlich?"
"Jaja, auf jeden! Sag bescheid, das ist doch cool," und die Euphorie, die mir aufgrund des vermeintlich leicht verdienten Geldes aus dem Augen spritze, ließ den Rest des Tisches seine Bedenken für sich behalten. Ich hingegen freute mich, fasziniert von der abstrakten Vorstellung es Sandra gleichzutun und in der Zeichnen- und Malklasse der Göttinger Volkshochschule Akt zu liegen. Zwei Stunden für hundert Mark, das schien mir die Sache allemal Wert. Eventuelle, mich hindernde Komplexe dachte ich nicht wirklich mit und wenn, dann wären die wohl nach dieser elektrisierenden Radikalerfahrung im Bereich meiner Vergangenheit zu finden gewesen.


Akt 2: Die Theorie

Arbeit, Arbeit, alles redet immer nur von Arbeit. Kampf um die Arbeit, Arbeitszeitverkürzung, Arbeitverknappung, Arbeitsplätzeexport, Arbeit macht frei, Beziehungs- und Trauerarbeit, Arbeit an sich selbst und auch der Bonvivant, der glaubt überhaupt nichts mit all dem Arbeitswahn zu tun zu haben, entkommt dem Wörtchen nicht, denn ihn rechnet man ungefragt mit in die Arbeitslosenzahlen ein. Die Arbeit, das ist klar, sie ist total und prägt jeden von uns.
Zuerst feiern die Menschen jahrhundertelang den Fortschritt, weil er ihnen Maschinen beschert, die ihnen die Arbeit abnehmen, dann, wenn alles maschinisiert ist, klagen sie, dass ihnen die Arbeit abhanden gekommen ist und ihre Politiker führen ein um den anderen Wahlkampf um die Arbeit zu retten - eine lustige Vorstellung, ganz als wäre die Arbeit sowas wie die sinkende Titanic, die vor dem Untergang zu bewahren sei und nicht bloß, der inzwischen nutzlose Schlüssel der Verteilung, in einem auf Geld beruhenden, kapitalistischen System. Nutzlos, weil die einen nicht mehr Arbeiten dürfen und die anderen, die man früher die Arbeitgeber nannte - also die Besitzer der Produktionsmittel, nämlich der ganzen Maschinen, die jetzt die Arbeit selber machen - weiterhin ihr Geld machen, nur die Arbeits- und Maschinenlosen eben nicht. Blöd gelaufen, könnt man sagen, aber das kann man natürlich auch anders sehen.
Gucken wir doch mal genauer hin. Man kann sich das Phänomen Arbeit von zwei Seiten ansehen. Die eine, die idealistische Sicht, das ist Marxens und heißt: Der Mensch verwirklicht sich in seiner Arbeit, tut also was produktives, kreatives und ist am Ende des Tages stolz auf sich und sein Schaffen, ergo glücklich und zufrieden. Die zweite ist die materialistische Betrachtung der Dinge und lässt sich in der praktischen Nutzanwendung beschreiben: Der Mensch arbeitet, um Geld zu verdienen und seine Lebenshaltungskosten zu bestreiten. Auch ein komisches Wort, übrigens, so als würde man nicht leben oder wär am Leben sondern hielte sich ein Leben, ganz so wie man sich einen Hund oder ein Auto hält, was eben Kosten verursacht. Aber lassen wir das.
Zwischen diesen beiden Polen der Arbeit wandernd also, zwischen dem Bedürfnis mannigfache Erfahrung sammeln zu wollen und mit der geleisteten Arbeit menschlich zu wachsen, nichts auszulassen, um sich auf dem Weg selbst zu verwirklichen einerseits und dem profanen Wunsch nach Geld und materieller Reproduktion andererseits, zwischen diesen zwei Motiven hab ich schon so manchen Job erledigt. Ich verdingte mich als Zeitungsjunge, Barmann, Lagerarbeiter im Leergutbereich eines Biogroßhandels, Journalist, Veranstalter, Stagehand, Promoschwätzer in Einkaufszentren für einen Mobilfunkanbieter, Callcenter Mitarbeiter eines führenden deutschen Meinungsforschungsinstituts, Tourmanager, Hausmeister, Drogenkurier, Schneeschipper, Lagerarbeiter eines Möbelhändlers, Buchautor, Musiker, Promozettelschreiber, Übersetzer, Mitarbeiter eines Campingplatzes auf Naxos - ich war derjenige, der die mit der Fähre neuankommenden Touristen zu unserem Zeltplatz schnackt, ein Job, den ich mit solcher Bravour erledigte, dass meine Kollegen, die für die anderen Etablissements arbeiteten mich bald ins Hafenbecken schmeißen wollten - , Chauffeur und sonst was noch und der einzige Grund, warum ich nicht als menschliches Versuchkaninchen - auch Proband genannt - mein Geld verdiente, war der, dass es mir nie rechtzeitig gelang vor der obligatorischen Blutanalyse das Kiffen einzustellen.

Zwei Wochen nachdem mir Sandra von ihrem Job als Aktmodell der Volkshochschule erzählt hatte und ich mich, was das Nacheifern betrifft vor Zeugen dazu hinreißen ließ mich derart aus dem Fenster zu lehnen ("Auf jeden mach ich das!"), klingelte das Telefon: "Hi, Jan, Sandra hier."
"Hey, Sandra! Wie geht's?"
"Ganz gut, danke. Du hör mal: Willste das noch machen?"
Ich hatte es schon fast vergessen: "Was machen?"
"Na, Akt liegen," sagte Sandra und mir schoss das Blut in den Kopf.
"Öh," Pause: "Ja. Öh, klar." Pause. "Wann denn?"
"Morgen, vierzehn ..."
"MORGEN?"
"Ja, kannst du da etwa nicht?"
Kann ich da nicht? Kann ich da nicht? Kann ich da etwa nicht? Eins meiner Motti war immer für die große Klappe einzustehen, den Worten quasi Taten folgen zu lassen. Mein Entscheidungsraum war denkbar knapp.
"Jan, kannst du da nicht?"
"Doch klar, kann ich! Normal. Vierzehn Uhr, ja?"


Akt 3: Die Geschichte:

Um dreizehn Uhr rief ich Sandra an.
Ich hatte mir bis dahin ein paar ernsthafte Gedanken über meinen neuen Job gemacht. Konnte ich mich wirklich vor einer Klasse Malschüler ausziehen? Und wer waren diese Leute überhaupt? Was für Leute besuchen die Volkshochschule? Werden auch Frauen da sein? Was ist, wenn ich die Pose nicht halten kann oder - noch viel schlimmer - beim Aktmodeln einen Ständer krieg? Ehrlich gesagt war gerade dieser Gedanke meine größte Furcht.
"Du, Sandra. Mir ist was wichtiges dazwischen gekommen. Können wir das verschieben? Ach, du hast schon für mich zugesagt. Natürlich, ja, ich weiß, dass das in einer Stunde ist. Nein, kannst du auch nicht einspringen. Ja, nee, äöh, dann muss ich das andere verschieben. Das ist blöd, ja. Nee, kein Ding. Doch schon. Nee, nee. Nee bin schon unterwegs. Cool. Also ... ja. Mhmm. Und danke noch mal."
Die Aufregung war kaum mehr auszuhalten. Hitzewellen durchfuhren meinen Körper und die Muskulatur spannte immer wieder bis zu der Grenze an, wo man nicht mehr unterscheiden kann, ob das Zittern aus den nervösen Muskeln kommt oder ob es wirklich so kalt ist, dass man friert. Es war nicht kalt. Es war Sommer und sehr heiß. Aber mein Schweiß war kalt.
Zu Fuß ging ich durch den Park zur Volkshochschule und versuchte mich zu beruhigen. Hey, das ist Kunst! Malerei ist Kunst und FKK ist sozialistisch! Ist doch nichts bei. Voll normal. Aber, was wenn ich ne Latte krieg? OK, gar nicht dran denken. Cool bleiben. Ich bin nicht cool. Atmen. Ruhig atmen, noch mal eine rauchen und cool werden. Noch mal ziehen und, ach, was soll's: Rein und durch. Was bist du nur fürn Lappen!
Ich machte mich gerade und betrat das Gebäude, fand meinen Weg, ging in die Klasse und falle beinahe rückwärts wieder raus. In dem Klassenzimmer stehen hinter zwölf Staffeleien zwölf Frauen und alle über Vierzig. Kein Mann. Kein Mädchen. Erwachsene Frauen in den Wechseljahren auf Selbstverwirklichungstrip, die unter Anleitung aquarellmalend ihre künstlerische Seite wiederfinden, die, die sie ja damals für ihren Mann und die Kinder geopfert haben. Sie haben ja nie an sich selbst gedacht, wie das die Männer immer gemacht hatten. Sie haben immer alles gegeben, dem Mann, den Kindern, sogar dem Hund, aber jetzt, wo die Kinder das Haus verlassen haben und der Mann auch, wo all die Opfer nicht honoriert wurden, jetzt endlich würden sie was für sich tun. Sie würden wieder malen, sich wieder als kompletter Mensch fühlen. Sie würden schaffen, nicht gebären. Sie würden künstlerisch sein. Und sie würden Akt malen, ja, verdammt!
Genauer: Sie würden mich als Akt malen. Mich! Als Akt! Oh, mein Gott. Warum hatte mir niemand vorher gesagt, welche Klientel die Kunstkurse mitteldeutscher Volkshochschulen besucht? Ich saß in der Falle. Die Lehrerin schloss die Tür. Es gab kein Entkommen mehr.
"Und deine Kleider kannst du da hinter der spanischen Wand ablegen," sagte sie noch kühl und dann ging es los.
Zum Glück durfte ich liegen und musste nicht wie Adonis stehen, den Arm zum Diskuswurf erhoben oder so. Aber auch das Liegen kennt seine Tücken. Nach zwanzig Minuten, welche ich auf die in Styroporquadraten geordnete Decke gestarrt hatte, fiel mir beim besten Willen nichts mehr ein, woran ich denken konnte und womit ich mich hätte beschäftigen können. Das Blut läuft dir in den Hinterkopf und bildet da Schwämme. Langeweile tötet! Die Frauen um mich rum waren der noch lebende Beweis dafür. Ihr langweiliges Leben hatte sie zu Pinsel schwingenden Zombies mutieren lassen, die nun kühlen Auges meinen Körper vermaßen und ihn zu Papier brachten. Ihre Lippen waren schmal und keine von ihnen lächelte jemals.
Als ich mir nach einer Stunde kurz die Beine vertreten durfte und mir rauchend die Werke der welken Damen anguckte, fiel mir vor allem auf, dass sämtliche Künstlerinnen mein Geschlecht ausgespart hatten. Ich will hier nicht mit dessen Größe protzen, aber es ist durchaus nicht zu übersehen, vor allem wenn ich nackt vor wem liege und derjenige mich eine Stunde lang mustern darf. Die einen beschränkten sich elegant auf den Oberkörper und die Tattoos, die anderen wagten verwegen die Gegend meines Schritts zu verwischen. Das sah dann so modern aus, irgendwie.
Nach zwei Stunden war die Qual vorbei. Keine der Künstlerinnen schien daran interessiert, dass sich das Modell die Werke anguckte, geschweige denn an dessen Meinung. Alle von ihnen mieden mich irgendwie und das hatte was überhebliches. Ich hatte mich vor ihnen ausgezogen. Für zwei Stunden. Gegen Geld. Sie hatten sich für zwanzig Jahre hergegeben doch waren nicht wirklich in Geld entlohnt worden. Vielleicht verachteten sie mich ja deswegen, weil sie der prostituierende Charakter meiner Tätigkeit and die eigene Prostitution als Ehefrau ohne eigenes Einkommen erinnerte. Ich weiß es nicht. Vielleicht hatte sie ja auch nur meine Jugend eingeschüchtert, die guten Frauen mit den schmalen Lippen.


Akt 4: Der Schluss

Ich auf jeden Fall kaufte mir von meinem Lohn ein paar Schallplatten und legte den Rest in Getränken an. Die ließ ich mir bringen und erzählte allen am Tresen von meiner neuen Erfahrung. Nicht wirklich Selbstverwirklichung, wie Marx es gedacht hatte - der Teil kam wohl eher den Malerinnen zu - aber irgendwie Selbsterfahrung. Und mein Geld hab ich danach wieder anders verdient.
Ist ja alles Prostitution, irgendwie.